dann mach do gefällischst de Düre off!

 

... Das rief sie mir zu, als sie mich besuchte. Und da sie so einen schönen Namen hat, musste ich damit beginnen.

 

Über die Aphoristikerin, Lyrikerin, Romanautorin, Songtexterin, Lektorin - eine Frau,
die
«im Geiste gefräßig» bleibt

 

VON ELKE MEYER/Dresden:

 

 

 

 

Wenn man sich mit ihr trifft, sollte man keine «feine Dame» erwarten, die mit gespitztem Mund in lyrischen Metaphern die Welt beschreibt. Keine, die romantisch verklärt in ihrer eigenen Welt lebt,  sich erhaben über andere stellt. Während wir zu meinem Lieblingscafé ums Eck gehen, denke ich: Das passt zu dem, was ich von ihr las: «Arroganz ist die Missgeburt der Bescheidenheit». Die 1967 bei Dresden geborene Autorin und Lektorin/Werbetexterin sagt:  

 

«Mit der Kunst versuche ich, mich der Wahrheit zu nähern»und sogleich zieht sie Schlüsse:

 

«Wenn dir jemand glauben soll, überzeuge ihn nicht von der Wahrheit.»

 

https://aphorismen-archiv.de/K6717.html

 

Gerade ist sie wieder zurück nach Dresden, in ihre Heimat gezogen, und wohnt in einem Atelierhaus im Süden der Stadt. «Bist du froh, wieder hier zu sein?», frage ich sie. «Ja, durchaus. Es war Zeit, einer nicht nur räumlichen - auch gewissen, teilweise erschreckenden, mentalen und geistigen - Enge zu entkommen.» Ich weiß, was sie meint. Das auszubauen, würde meinen Rahmen sprengen. Lieber schreibe ich über sie. «Die Kling» - so darf ich sie nennen.

 

Wer ihr genau zuhört, weiß: Sie geht tief. In ihrem sarkastisch-animalischen Text «Schweinerei» wird es schon in der ersten Verse tierisch menschlich.

 

Diese Frau sollte man erleben, wenn sie von todernsten Themen zum «klugen Mäuserich» schwenkt, eigene Schwächen gehörig auf die Schippe nimmt oder zu Antikriegsthemen taumelt, die bei Veranstaltungen die Gäste verstummen lassen. «Symptome» und «Das Kleid» sind zwei ihre berührendsten Texte.

 

Die Kling lebt, als wäre nichts.

Dabei ist so viel. Ihre Stimme geht unter die Haut und ganz gleich, welchen Ton sie anschlägt: 

Wenn sie mit ihrer Blues-Stimme zu singen beginnt - z. B. von ihrer Deutschlehrerin, die sie noch immer verehrt, und von John Lennon -, um zu resümieren, dass ihr die Kinderschuhe nicht mehr passen, wissen alle: Nicht perfekt sein ist genial. Und das, obwohl der Slogan ihrer kleinen Firma das Gegenteil behauptet: Profis sind Perfektionisten. Na und? Sie erlaubt es sich. Schwächen. Einfach so. Seit einiger Zeit gab es keine Auftritte mehr. Nicht nur die Pandemie, auch private Umstände, ließen sie «versacken», wie sie bemerkte. Ein Rückzug. Ein In-sich-Kehren. Ein Abnabeln.

«Fühlst du dich isoliert?», will ich erfahren.  «In guter Einsamkeit lerne ich mehr über mich als in böser Gesellschaft» - zitiert sie einen Aphorismus, der in ihrem Buch  «Kurz Gesagtes hält sich länger» - Aphorismen und Lebenssprüche/Sylvia Kling - 2023 erscheinen wird. So viel des täglich wahren Wahnsinns fand ich in einem Manuskriptauszug, den sie mir im Vorfeld schickte, dass ich Tage brauchte, es zu verdauen.

 

Auf meine Frage hin, ob sie vorhat, wieder vor ein Mikrofon zu treten, entgegnete sie: «Wenn ich mich genug von den Turbulenzen der letzten Jahre erholt habe und meine Gesundheit sich stabilisiert, möchte ich hier und da wieder die Kleinkunstszene aufmischen». Die Wehmut in ihren Augen ist unübersehbar. «Und ich muss unbedingt singen üben, sonst rennen mir die Leute davon»!, jetzt fröhlicher.

 

Hey! Es ist egal, ob sie alle Töne haargenau trifft: Es KLINGt bei den Gästen bis in die kleinen Zehen nach. Mit geradezu komödiantischem Geschick, dem sich niemand entziehen kann, wirft sie treffsicher Verbalkanonen in die Menge, ohne jemanden zu verletzen.

 

Ich hatte einige ihrer Veranstaltungen besucht. Zuschauer/-hörer bekamen das Gefühl, Sylvia Kling hätte jede einzelne Tiefe sämtlicher Gäste durchlebt. Sie vermittelt damit jene Wärme und Empathie, die so manch einen in dieser schnelllebigen Zeit erreicht. Gesellschaftliche Missstände greift sie ohne belehrenden Zeigefinger auf. «Krieg hat noch nie Frieden gebracht» - habe ich von ihr gelesen und denke an ihre Texte und Songs zu diesem Thema. Darauf spreche ich sie an. Sylvia Kling sieht mich stirnrunzelnd an. «Was soll das alles? Wir leben in einer Borderline-Gesellschaft. Schwarz-weiß ist das neue Bunt». Sie meint es ernst. Ich verstumme in Anbetracht des - sich an mich heranschleichenden - Sarkasmus.

 

Wir reden miteinander über dies und das, auch über ihre Intentionen.  Sie spricht so schnoddrig, dass ich mir vor Lachen den Bauch halten muss. Ohne spürbaren Übergang greift sie Themen auf, die jegliche Oberfläche aufkratzen muss.

 

Die Kling philosophiert über Gott und die Welt und erklärt mir, warum sie den humanistischen Werten, die sie viele Jahre prägten, inzwischen nicht mehr zu folgen vermag. Dabei wird sie nicht ansatzweise «DDR-nostalgisch» - wie viele in ihrem Alter und Umfeld. Darauf spreche ich sie an. «Hör mir auf mit diesem Mist», ruft sie aus. «Wir sehnten uns den Westen herbei, weil wir dachten, uns fliegen die gebratenen Tauben in den Mund. Das ist nicht eingetreten. Bevor wir uns versehen, machen wir Dresden zur Zielscheibe von frustrierten Dummschwätzern - und uns vor aller Welt zum Affen! Jetzt haben wir äußere Freiheit. Die Freiheit des Denkens wird nicht genutzt.» Ich hatte ihr Buch «Ab 40 wird's eng» gelesen, in dem sie dieses Thema ihre Protagonistin Silke ausleben lässt. Ihre Lesungen anlässlich des Literaturfestes Meißen waren gut besucht. Gäste standen vor und neben dem Raum, in dem sie las. Als sie 2020 mit sächsischem Dialekt rezitierte, konnte man einen Nichtsachsen vor Lachen vom Stuhl fallen sehen.

 

Die Schattenseiten sind wenigen bekannt. Die Kling wurde von Rechten ob ihrer Ansichten bedroht, auch über den Facebook-Messenger. Dabei bin ich nicht links. Ich bin Mensch. Und wenn Menschen bedroht werden, weil sie menschlich sind, dann ist «die Krankheit» weit fortgeschritten.

Punkt. Ich atme tief durch. Doch bevor ich mich versehe,  klopft sie mir - kräftig wie ein Kerl - auf die Schulter und ruft: «Jetzt brauch isch abor ä Schälchen Heeßes, 's hält do sonst keener aus!»

 

«Das Einzige, was mir vom Idealismus bleibt, ist Leben» - erinnere ich mich an einen ihrer Aphorismen ... Dennoch  entdecke ich keine Verbitterung bei der Mittfünfzigerin, die mir ein Stück Eierschecke reicht und meint: «Wenn nüscht mehr geht, Eierschägge geht immer, nor?»

 

Ich hoffe, noch viel von ihr zu sehen und zu hören.

 

Ihre Elke Meyer aus Dresden/Die große Kunst der Kleinkunst

 

Sie können übrigens mehr über das Leben und die Hintergründe von Sylvia Kling in dem Buch Frauen und ihre Wege zu Glück und Erfolg von Elke Walter-Koch, Lebensart Verlag (Seite 100) lesen.